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Generationskonflikte am Arbeitsplatz: keinesfalls (stereo-)typisch!

Aktualisiert: 14. Apr. 2023


Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans immer mehr!

Wenn es um die Herausforderungen geht, vor denen Unternehmen in der Zusammenarbeit zwischen den Generationen stehen, wird meist die jüngere, digitale Generation „angeprangert“, die selbstbewusst flexible Arbeitszeiten oder -orte einfordert und den Begriff der Work-Life-Balance zur Religion erhoben zu haben scheint. Heute wollen wir uns aber zur Abwechslung einmal die Frage stellen, ob nicht auch die Generation 50plus ein Teil des Problems sein könnte, zumal manche der in die Jahre gekommenen Babyboomer sich entweder für allwissend halten oder sich nur ungern auf Neues einlassen, etwa auf neue Technologien oder Tools. Das führt oftmals dazu, dass die Meinungen und Kompetenzen der Jüngeren von vornherein abgelehnt werden, was wiederum zur Folge hat, dass die Distanz zwischen den Generationen wächst: ein Teufelskreis.


Wie kann es Unternehmen gelingen, ein offenes Mindet zu erhalten und die Vielfalt, die der Generationenwechsel mit sich bringt, als Chance zu verstehen? Wie können beide Seiten – Jung und Alt – einen respektvollen Umgang pflegen und voneinander lernen? Darüber, und über vieles mehr, haben wir mit Evelyn Summhammer gesprochen. Die Wirtschaftspsychologin, Psychotherapeutin und Bestseller-Autorin begleitet und inspiriert Führungskräfte und Unternehmen mit ihren Vorträgen, Workshops und (Online-)Coachings und hat sich dabei unter anderem auf Change-Management, Generationen 50plus und Konfliktauflösungen jeglicher Art spezialisiert.


in-manas im Gespräch mit Evelyn Summhammer

in-manas: Evelyn, ein altes Sprichwort sagt: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“. Inwieweit sind wir von solchen Aussagen geprägt, etwa in unseren Urteilen, Selbstzweifeln oder auch in unserer Motivation, im Alter Neues zu lernen?

Viele Unternehmen [...] verlassen sich darauf, dass die Erfahrung des Alters ausreicht und automatisch die Instrumente an die Hand gibt, um sich neu zu erfinden und am Puls der Zeit zu bleiben.

Evelyn: Es ist an der Zeit, sich von negativen Stereotypen und unbewussten Altersvorurteilen wie diesen zu befreien. Und zwar auf allen Ebenen. Es geht darum, die eigenen Glaubenssätze kritisch zu hinterfragen und aufzulösen. Denn sie lenken unser Denken und Verhalten und wir suchen unbewusst in jeder Situation nach Bestätigung dieser Glaubenssätze.


in-manas: Man befindet sich also in „hausgemachten“ Negativschleifen?

Evelyn: Richtig. In diesem Lebensabschnitt ginge es vielmehr darum, sich selbst neu zu erfinden: sich also nicht abzukoppeln, sondern in Verbindung zu bleiben, mit all den inneren und äußeren Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit vollziehen. Das betrifft Unterschiede in Herangehens-, Denk- und Lebensweisen ebenso wie physische Veränderungen. Und das bedeutet wiederum, sich zu öffnen.


in-manas: Was heißt das nun für Führungskräfte und HR-Verantwortliche? Müssen sie sich dieser Generation gegenüber anders verhalten, um sie „abzuholen“?


Evelyn: Ja, definitiv. Aber viele Unternehmen lassen diese Menschen leider allein. Sie verlassen sich darauf, dass die Erfahrung des Alters ausreicht und automatisch die Instrumente an die Hand gibt, um sich neu zu erfinden und am Puls der Zeit zu bleiben. Doch das ist eine Illusion. Wie jedes Lebensalter, jedes Onboarding oder jede fachliche Expertise bedarf auch der Umgang mit dem Älterwerden bzw. mit älteren Mitarbeitenden einer laufenden Kompetenzerweiterung.


in-manas: Als Wirtschaftspsychologin und Psychotherapeutin begleitest du auch Unternehmen bei dieser Kompetenzerweiterung. Nun gehören wir beide, so viel sei verraten, auch bereits der Generation 50plus an. Wie ergeht es dir, wenn du in Unternehmen als „Ältere“ auf junge Menschen triffst?

Es geht darum, dass jeder Mensch eine Erfahrung in sich trägt, die mich bereichern kann: eine Kompetenz, die mir hilft oder einen Gedanken, der in mir Großes bewirken kann.

Evelyn: Interessanterweise werde ich dort als „die Junge“ angesehen. Sie akzeptieren meine offene Art und so gelingt es mir, eine Brücke zu allen Generationen zu schlagen, auch zu den Älteren, die an mir sehen können, dass man auch im Alter neugierig und aufgeschlossen bleiben kann. Ein Großteil der Generation 50plus braucht einfach eine Hand, die sie liebevoll, aber bestimmt führt. Und diese unterstützende Hand biete ich authentisch an. Denn ich habe es selbst erlebt und weiß sowohl aus der Sicht der Psychologie als auch aus der Sicht meiner eigenen Widerstände, was in einem Prozess des vitalen und anschlussfähigen Alterns in und mit Unternehmen sein darf und was nicht.


in-manas: Kommen wir zu den jüngeren Generationen. Inwieweit gibt es hier Vorurteile gegenüber den Älteren, die eine Zusammenarbeit erschweren könnten?


Evelyn: Auch junge Menschen bringen Stereotype und Überzeugungen über ältere Generationen mit. Sie vergleichen sie oft mit ihren Eltern, und wenn diese kein Vorbild für ein anschlussfähiges, offenes Altern waren oder sind, begegnen sie ihren älteren Kolleginnen und Kollegen entsprechend: Das heißt, sie schließen schnell aus, hören nicht genau hin und wollen sich vor allem nicht bevormunden lassen, zumal die Abnabelung vom Elternhaus noch nicht allzu lange her ist. Deshalb macht es auch für junge Menschen Sinn, kritisch zu hinterfragen, welche bewussten und unbewussten Denkweisen und Trigger in der Zusammenarbeit mit älteren Beschäftigten auftauchen und welche Barrieren dadurch aufgebaut werden. Und vor allem geht es um die Frage, wie diese Barrieren durchbrochen werden können, um neue Erfahrungen zu ermöglichen. Und das beginnt mit gegenseitigem Respekt.


in-manas: Wie können beide Seiten respektvoll miteinander umgehen und voneinander lernen?

Wenn das WIR im Fluss ist, öffnen sich Potenziale und Verbundenheit. Wir geben mehr und sind bereit, uns tiefer zu committen, eine Voraussetzung für Erfolg!

Evelyn: Respektvoller Umgang beginnt im bewussten und wertschätzenden Erkennen der eigenen Denk- und Handlungsweisen: Im Erkennen, was ICH gestalte, was ICH möglicherweise verhindere, wo ICH Konflikte schaffe und wo ICH mehr blockiere als mein Gegenüber. Es geht um den ehrlichen Blick auf das eigene Mindset – die eigenen Prägungen und deren Konsequenzen. Und es geht um alternative Verhaltensweisen, die wir benötigen, um im WIR offen füreinander zu sein. Denn sobald ich den Irrtum erkenne, zu glauben, dass die Wahrheit nur in mir liegt, kann ich bewusst gegensteuern und eine Veränderung einleiten. Es geht also darum, dass ich erkenne, dass auch mein Gegenüber für mich wertvolle Weisheiten bereithält, wenn ich mich öffne. Es geht darum, dass jeder Mensch eine Erfahrung in sich trägt, die mich bereichern kann: eine Kompetenz, die mir hilft oder einen Gedanken, der in mir Großes bewirken kann.


Erst wenn ich mich mir selbst stelle, meine Grenzen öffne, meine Dynamiken im Außen als Spiegel meiner selbst erkenne, kann ich mich dem WIR stellen. Denn ein konstruktives WIR braucht ein bewusstes ICH.


in-manas: Welche Chancen ergeben sich daraus?


Evelyn: Die große Chance all dieser Maßnahmen rund um die bewusste Gestaltung des Alterns in Unternehmen und den bewussten Umgang mit unterschiedlichen Generationen liegt in der besonderen Kultur, die dadurch entsteht: Die Mitgestaltenden werden auch in anderen Bereichen bewusster handeln, mehr zulassen, viel mehr über den Tellerrand hinausschauen und die Komfortzone verlassen. Das wiederum bedeutet, dass die menschliche Energie und Kreativität sich entfalten kann und nicht in selbstgemachten Konflikten und Kämpfen stecken bleibt.


Wenn das WIR im Fluss ist, öffnen sich Potenziale und Verbundenheit. Wir geben mehr und sind bereit, uns tiefer zu committen, eine Voraussetzung für Erfolg! Wir brauchen Menschen, die gerne zur Arbeit gehen, andere bereichern und sich selbst bereichern lassen.

in-manas: Vielen Dank für das bereichernde Gespräch, Evelyn!

 

HINWEISE UND VERTIEFUNGTIPPS

  • Wer mehr über Evelyn Summhammer erfahren möchte: Hier geht es zu ihrer Webpage.

  • Und für alle, die Lust auf mehr Themen rund um Personal- und Organisationsentwicklung haben: Im Wissenshub für HR und OE in unserem INNO-VERSE gibt es genügend Diskussions- & Innovationsraum für aktuelle Themen und Herausforderungen wie diese.


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